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Ein Leben für die Musikwissenschaft — Dr. Friedrich Chrysander
Dr. Friedrich Chrysander, geboren am 08. Juli 1826, in dem damaligen Marktflecken Lübtheen, ist wohl derjenige, der mit Recht als der große Sohn Lübtheens bezeichnet werden kann. Seine Eltern, die durch Brand ihrer Windmühle in Volzrade verarmt waren, hatten keine Mittel, um diesem besonders aufgeweckten unter ihren drei Söhnen die entsprechende Förderung und Bildung zukommen zu lassen. Lübtheener Lehrer, voran die Kantoren Hirsch und Borgmann waren es, die durch zusätzlichen unentgeltlichen Unterricht seine Bildung über das Niveau des damaligen allgemein üblichen Schulunterrichts brachten. An den Besuch eines Gymnasiums oder einer Universität war allerdings nicht zu denken. So verließ er mit 17 Jahren Lübtheen, um auf einem Gut in Glashagen bei Doberan Hauslehrer zu werden. Schon damals nutzte er die Nähe zu Rostock und legte so den Grundstock zu seiner vielseitigen Bildung, indem er an dem wissenschaftlichen Leben der Universitätsstadt in indirekter Weise teilnahm.
Im Jahr 1847 ging er nach Ludwigslust an das Lehrerseminar. Es folgten 1849 Anstellungen an einer Bürgerschule in Doberan und dann in Schwerin an einer höheren Töchterschule. Nun hatte er zum ersten Mal in seinem Leben ein Einkommen, das Überschüsse für den Erwerb von literarischen und musikalischen Werken ermöglichte. Schwerin wurde auch in anderer Hinsicht zu einem Wendepunkt in seinem Leben. Der Besuch des Theaters, Opern und Konzerte, die er zum ersten Mal hörte, weckten sein Interesse für die Musik. Er begann zu komponieren. Seine Arbeitsweise war die eines Autodidakten, doch so energisch und ernst¬haft, dass er in kurzer Zeit eine Oper geschrieben hatte. Nachdem er 1852 die erste Schweriner Aufführung des „Tannhäuser" von Richard Wagner erlebt hatte, wendete sich seine Einstellung. Seine eigene Oper interessierte ihn nicht mehr. Obwohl er eine produktive musikalisch-poetische Veranlagung besaß, gab er das Komponieren auf.
Nun studierte er die Partituren von anderen Meistern aller Zeiten. Dabei verstand er es, die Noten rein gedanklich in Tonbilder zu verwandeln. Schon 1852 erschienen seine ersten Abhandlungen. Tat man seine Arbeit anfänglich noch als Dilettantismus ab, galt er doch in Schwerin als Autorität, und so allmählich wurde man auch anderenorts auf ihn aufmerksam. Den Komponisten Johann Sebastian Bach und vor allem Georg Friedrich Händel (1685 — 1759) galt sein besonderes Interesse. Er bekam so viele literarische Aufträge, dass er den Lehrerberuf aufgab. Seine Studien führten ihn nach Hamburg, Berlin, Hannover, Wolfen-büttel, Kassel und Braunschweig.
In Rostock studierte er Philosophie und promovierte 1855.
Die Pläne der Anstellung an einer neu zu gründenden Musikschule in Braunschweig zerschlugen sich. Nun übersiedelte Dr. Chrysander nach Vellahn und heiratete die Tochter seines früheren Lübtheener Lehrers Borgmann.
Für Händel und seine musikalischen Werke wurde Chrysander zum Kunsthistoriker. Da ist zum einen die Händelbiographie, die er schrieb. Als zweites ist die Herausgabe der Händelschen Werke zu nennen. Dazu unternahm er Reisen nach England, wo Händel seit 1712 gelebt hatte. Dort studierte er in den Archiven die Werke Händels, schrieb die Partituren ab und ließ sie zu Hause in Bergedorf in seinem Haus drucken. Seine Studienreisen und die Herausgabe der Händel-Werke finanzierte er größtenteils selber. Er beschaffte das Papier, stellte Arbeiter ein, die von ihm im Setzen und Drucken angelernt wurden. Daneben betrieb er sehr erfolgreich eine Gärtnerei in Bergedorf, wo die Familie seit 1866 lebte. Hier zog er Rosen, Trauben, Pfirsiche und Gemüse in seinen Gewächshäusern heran. Die Einnahmen aus der Gärtnerei dienten nicht nur dem Lebensunterhalt der Familie, sie ermöglichten ihm auch, die Kosten seiner musikwissenschaftlichen Arbeit zu finanzieren.
Den dritten Teil seines Händelwerks bildet die Restaurierung der Händelschen Oratorien.
Am 3. September 1901 verstarb Dr. Friedrich Chrysander in Bergedorf. Die Beisetzung erfolgte in Vellahn.
In seinem Geburtsort Lübtheen war Dr. Chrysander nicht vergessen, doch eine öffentliche Ehrung fand erst 1973 statt. Die Anregung dazu kam vom damaligen Leiter der Heimatstube in der Gipsstraße Herrn Dehns. Im heutigen Chrysander-Park stellten die Brüder Karl und Gerhard Schmoranz und Herr Horst Meier einen ersten Gedenkstein auf.
Im Jahr 1976, anlässlich des 150. Geburtstages von Friedrich Chry-sander, wurde der Gedenkstein durch eine Büste des Bildhauers Guntram Kretschmann aus Müggendorf bei Wittenberge ersetzt. Am Abend folgte eine Feierstunde im Filmtheater, wo bei Händel-scher Musik und mit einer Festansprache das Leben und Schaffen Chrysanders gewürdigt wurde.
Text: Buch Gestern und Heute 650 Jahre Lübtheen von Marlies Bünsch